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 Aussteuer

 

Das nagelneue Einkaufsparadies in der Innenstadt ist endlich eröffnet.

„Überall Teppichboden!“, flüstert meine Mutter.

Es gibt Springbrunnen und große, sechseckige Pflanzkübel, sogenannte „Hydrokulturen“.

Ich bekomme die lang ersehnten Plateauschuhe und eine Schlaghose, die ich hauteng aussuche. Im Hintergrund läuft Abba.

 

Wir haben wenig Geld. Und gerade deshalb möchte mich meine Mutter mit einer guten Aussteuer ins Leben entlassen. Jeden Monat zweigt sie ein paar Mark ab und wir kaufen für meinen zukünftigen Hausstand ein. Meistens Bettwäsche in guter Qualität. „Damast“ oder „Biber-Bettwäsche“ steht in orangefarbenen Buchstaben auf der Packung. Wir suchen Bettbezüge in bermudabeige und olivegrün aus. Große, geschwungene Muster. Oder Blümchen. 

Zu Hause wird die Bettwäsche dann originalverpackt in einer roten Truhe auf die bisherigen Einkäufe gestapelt. Nach ein paar Jahren ist die Truhe voll...

 

...und ich ziehe in ein klitzekleines Zimmer in einer WG. Zum Frühstück gibt es Müsli, wir spinnen in unserer Freizeit Wolle und stricken im Unterricht. Auf meinem Fahrrad klebt „Atomkraft? Nein danke!“.

Für die rote Truhe habe ich keinen Platz. Die bleibt bei meiner Mutter. Immer, wenn meine Mutter umzieht, zieht die Truhe mit.

 

Als ich endlich verheiratet in einer Dreizimmerwohnung lebe, bringt meine Mutter die rote Truhe.

Wir besitzen nun eine echte italienische Kaffeemaschine, die Milch aufschäumen kann, tragen schicke Anzüge, die wir im im Outlet von Hugo Boss gekauft haben, und unsere neuen Bettdecken haben „Comfort-Größe“, das heißt: die Aussteuer ist dafür zu klein. Auch die Leintücher nutzen wir nicht, da wir Spannbetttücher viel praktischer finden.

Die Truhe steht ein paar Jahre ungenutzt im Weg. Die teure Bettwäsche wegzuschmeissen? Da sperrt sich meine Erziehung.

Schließlich zerschneide ich die Bettbezüge und fertige mit der Nähmaschine aus je zwei kleinen Bettbezügen einen großen.

Die Farben der siebziger sind nicht mehr zu ertragen. In der Waschmaschine färbe ich die Stücke in Dunkelblau und Schwarz. So sind wenigstens Teile meiner Aussteuer benutzbar.

 

Mittlerweile sind Lila und Rosa wieder modern. Im Fernsehen schauen wir staunend einem Eisbären zu, der auf einer kleinen Eisscholle steht. Wir machen uns Sorgen um die Rente.

 

Die Aussteuer?

Ach ja, die Aussteuer...

 

Ich habe mich über jeden Riss und jeden Fleck im Bettzeug gefreut, der den Rausschmiss legitimierte. Die Leintücher habe ich zu Putzlappen zerrissen. Unsere Putzfrau bevorzugt aber Mikrofaser-Tücher und Küchenrollen. 

Im Internet habe ich bei Preisbrecher.de zwei Sets Mikrofaser-Bettwäsche mit Reißverschluss bestellt. Ich will keine Stapel mehr.

 

Die rote Truhe ist endlich leer. Sie steht nun als Schraubenlager im Keller und schimmelt. Bald darf sie auf den Sperrmüll.

Ich werde „Tschüss Truhe“ sagen, und mich über den Platz freuen, den sie freimachen wird.

Barocke Blüte

 

Ich heiße „Blühendes Barock“.

 

Sie denken da an: Rosen, Tulpen, Buchsbäume in Kugelform und Volieren mit Salomonen-Edelpapageien? Denken Sie lieber an Blätter. Nein, nicht die grünen, und nicht die gelben und auch nicht die braunen, welken.

Denken Sie an Blätter zwischen zwei großen Hochglanz-Buchdeckeln. Vorne drauf ein Luftbild mit dem Ludwigsburger Schloss und seinen Parkanlagen, und darüber steht in geschwungenen Buchstaben „Blühendes Barock“. Und innen drin, auf den Blättern, strahle ich Sie, verehrter Jubilar, mit prächtigen Fotos von Rosen, Tulpen, Buchsbäumen in Kugelform und Volieren mit Salomonen-Edelpapageien an.

 

Ach? Sie sind kein Jubilar?

 

Meine erste Reise machte ich in einem Präsentkorb gemeinsam mit einer Rot- und einer Weißweinflasche, Pralinen und einer Glückwunschkarte. Am Arm des Bürgermeisters reisten wir vom Rathaus aus zu einer Dame, die ihren Fünfundneunzigsten feierte. Aha.

Drei Wochen später schenkte sie mich ihrem Enkel zur Konfirmation.

Dessen Eltern nahmen mich mit zum sechzigsten Geburtstag ihrer Tante nach Hessen.

Und jetzt klappen Sie mich auf. Auch Sie fassen meine Seiten mit spitzen Fingern an, damit ich keine Eselsohren bekomme. Auch Sie werden mich wieder auf die Reise schicken, oder? Oder nicht?

 

Sie sind also kein Jubilar. Wirklich nicht?

 

Klappen Sie mich bitte zu. Legen Sie mich in einen Schrank. Warten sie ein paar Jahre, bis Sie ein Jubiläum feiern. Vielleicht Ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag? Oder den vierzigsten? Der Fünfundneunzigste? Feiern Sie ihn opulent.

Und danach öffnen Sie den Schrank und nehmen mich sacht heraus. Machen Sie es sich gemütlich. Kochen Sie sich eine Tasse Kaffee dazu und futtern Sie ein Stück von den Resten Ihrer Geburtstagstorte.

Und dann legen Sie mich auf ihren Schoß. Streichen Sie über meinen Buchdeckel, blättern Sie vorwärts und rückwärts. Krümeln Sie zwischen meine Seiten. Kleckern Sie Kaffee auf die Buchsbäume in Kugelform und die Volieren mit Salomonen-Edelpapageien. Reißen Sie die schönsten Seiten heraus und falten Sie Papierflieger.

 

Und bitte: meiden Sie Ludwigsburg. Was kann Ihnen da schon blühen? Rosen, Tulpen, Buchsbäume in Kugelform und Volieren mit Salomonen-Edelpapageien.

Meiden Sie es einfach.

Meiden Sie: das Blühende Barock.